Das Gejammer

Ich kenne kaum etwas, das so unpopulär ist, wie das Sprechen über Schmerz, Leid, Angst, über Bedenken und Sorgen. Der Bericht über die eigene Befindlichkeit wird schnell als anlass- oder grundloses Jammern und Klagen gewertet.

Das ist eigentlich auch kein Wunder in einer Gesellschaft, deren Hauptaugenmerk auf ökonomischem Wachstum und daher auf Erwerbsarbeit und Konsum liegt. Um diese beiden Funktionen – diejenige als Arbeitskraft und diejenige als Konsument – gewinnbringend, effektiv und zuverlässig ausfüllen zu können, muss der Mensch die Komplexität seines Lebens und Erlebens auf ein verwertbares Maß reduzieren.

Bei meiner Arbeit erlebe ich das tagtäglich. Da war der Kollege, der beschloss, sich nicht kaputtzuarbeiten, schnell eine Pussy, ein Jammerlappen, ein „Mädchen“, eine Heulsuse. Dem, der nicht auf Montage gehen wollte, weil seine Frau schwer herzkrank ist, wurde der Vertrag nicht verlängert. Und, ich gebe es zu, auch mir geht die Bitterkeit und Negativität meiner Kollegin bisweilen auf die Nerven, die sich zur Zeit wirklich über ausgesprochen vieles beklagt – auch über Dinge, die ich persönlich als Bagatelle empfinde.

Im Grunde ist das aber vollkommen anmaßend. Und diese Anmaßung haben die meisten Menschen – auch ich selbst – wohl schon in der Kindheit zu spüren bekommen. Jemand anderes definiert am Beginn unseres Lebens, ob wir „Grund haben, zu heulen“. Jemand anderes bewertet, ob das aufgeschlagene Knie noch weh tut oder nicht. Später legen auch andere fest, ob ein Mensch in der Lage dazu sein kann, zu arbeiten, nachzudenken, zu fühlen und Beziehungen mit anderen einzugehen. Ob er sich mal entschuldigen und zurücktreten darf, statt permanent in der Geberrolle zu sein. Indianer kennen keinen Schmerz, und wegen „Kleinigkeiten“ hat man sich gefälligst nicht so anzustellen.

Wenn jemand anderes festlegt, was man fühlen und worüber man sich äußern darf, verliert man das Gespür für das, was man kann oder eben nicht kann. Schließlich glaubt man, immerzu zu müssen, weil andere eben doch besser wissen und sagen können, ob man die Berechtigung zu Leiden hat oder nicht. Wenn ich einen sogenannten „Burnout“ bekomme, dann nicht, weil ich zu sehr für etwas oder jemanden gebrannt habe, sondern weil weder ich noch andere meine Grenzen erkannt und mir zugestanden haben und ein Nein nicht galt. Weil von Beginn an die Erfüllung von Erwartungen und Aufgaben die höchste, überlebensnotwendige Priotität hatte und sich das niemals geändert hat.

Die Funktionalität von Menschen beschränkt sich dabei nicht alleine auf die Arbeitswelt. Für ebenso prägend halte ich die Aufgaben, die wir von anderen Menschen in unserem Umfeld zugewiesen bekommen. Die als Macher, als Manager, als Kümmerer, als Heilsbringer, Befürfnisbefriediger, als Spiegel und Egostreichler, Lastenträger und Kummerkasten.

Gefährdet die eigene Menschlichkeit diese Funktionen, dann verleugnet man diese Menschlichkeit sehr schnell, oder man scheitert daran, dass andere sie verleugnen und einem selbst irgendwann die Kraft zum Kampf um Anerkennung fehlt. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem. Dabei wird alles das als eine Gefährdung der Funktionalität betrachtet, was nicht fassbar ist. Emotionen, die wir im Kontext einer durchstrukturierten Welt für gefährlich, gefährdend und unlogisch halten, werden kleingeredet und unterdrückt, als unberechtigt oder gar nicht existent deklariert. Und obwohl mich die Emotionen eines anderen Menschen gar nicht zwangsläufig direkt betreffen müssen, können sie dennoch das sensible Konstrukt meines Weltbildes in Frage stellen. Das verhält sich vor allem gerne mit Wut und Aggression so (und ebenfalls mit Autoaggression), aber auch mit jeglicher Äußerung von Schwäche und Leid, die Menschen mit dem eigenen (möglichen) Schicksal konfrontiert. Der eigentlich sicher gut gemeinte Satz „Gib nicht auf!“ bedeutet neben der vordergründigen Ermunterung auch: „Bitte lass mich nicht sehen, dass du nicht mehr kannst!“ Er bedeutet die Verleugnung des Endes der Kraft, der Endlichkeit des Vermögens, welche in aller Konsequenz doch schließlich für alle Menschen gelten.

Wenn jemand offen mit seiner eigenen Begrenztheit umgeht, mit seinen Unfähigkeiten und Unmöglichkeiten, die so oft einfach auch fürchterlich weh tun, dann wird sehr häufig und schnell von außen relativiert. Die Aufforderung, an hungernde Kinder in Afrika oder Krebskranke zu denken, hilft niemandem aus seinem persönlich empfundenen Leid heraus. Es wertet es höchstens im Vergleich zu anderen ab und führt dazu, dass jemand, der ohnehin schon leidet, seine eigenen Grenzen noch weniger wahrnimmt. Schwäche und Schmerz lassen sich aber nicht vergleichen.

Da das Gehen in den Schuhen des anderen unmöglich ist, verbietet sich auch von vornherein ein Messen von dessen „Leidensberechtigung“ und ein Urteil darüber, ob es angebracht ist oder nicht. Wer leidet, leidet. Wer fühlt, fühlt. Stößt man auf Abwertung und Verachtung für die aufrichtige Beantwortung der Frage „Wie geht es dir?“, so wird man zukünftig nicht mehr ehrlich antworten.

Dann beginnt das Tragen der Maske. Man gibt vor, zu können und zu sein, was andere von einem erwarten. Man glaubt es vielleicht sogar selbst. Das Nicht-Spüren und Überschreiten der eigenen Grenzen gehört permanent dazu. Man erlebt, dass all die Dinge, die zur Tiefe und Vielschichtigkeit des Lebens beitragen und die nicht ohne Grund dazu gehören – einschließlich seines Endes – überflüssig, hinderlich, lästig und unerwünscht seien. Man bekommt von Ratgebern und Mitmenschen, selbsternannten Experten und Zeitschriftenautoren vermittelt, all die „bösen“, vermeintlich negativen Elemente des Lebens, die so sehr stören, ließen sich durch Anstrengung, Engagement, ein bisschen positives Denken und eine Änderung der Einstellung beseitigen.

Dem ist nicht so, aber das interessiert kaum mehr. Die vielfältigen Sanktionen vor allem auf der Ebene des sozialen Miteinanders sind spürbar. Bei Krankheit, insbesondere länger dauernder, wird inzwischen sehr schnell nach der Mitschuld des Kranken gefragt. Wer länger als einen gewissen Zeitraum um einen Verstorbenen trauert, wird seltsam angesehen und dafür verurteilt („Irgendwann muss es doch auch mal gut sein!“). Wer pünktlich Feierabend macht, erntet die Missbilligung von Chefs und Kollegen. Wer mehr auf den Rippen hat als andere, zieht Fatshaming auf sich und muss sich vorwerfen lassen, seinen Körper nicht permanent zu optimieren. Und der Depressive ist ein selbstmitleidiger Jammerer.

Die Vergleiche ziehen andere, die Maßstäbe für das, was man sein darf, setzen andere fest, und man übernimmt sie, weil man glaubt, das sei richtig. Der Körper und die Seele gleichermaßen werden in ein enges Korsett geschnürt, und man spürt, dass man nicht atmen kann, meint aber, das müsste so sein. Und vor allem, man spricht irgendwann kein Wort mehr darüber, wie mies es einem mit diesen Fremdmaßstäben und der Stigmatisierung geht. Das macht das Andere, das Lebendige, das Schmerzhafte und Fühlende quasi nicht existent und setzt Wahrnehmungsnormen, die absolut schädlich sind.

Über das zu sprechen, was weh tut, traurig macht, einem schwer fällt oder Angst einjagt, erfordert Vertrauen. Der Vorwurf des Gejammers erschüttert dieses Vertrauen nachhaltig, es zerstört echte Kommunikation. Es verhindert den zwischenmenschlichen Fortschritt über die Vewertbarkeit und das Funktionieren hinaus.

Für mich persönlich ist ein Anfang, mich nicht mehr zu rechtfertigen. Als allererstes nicht vor anderen, als schöne Übung zu Beginn. Dann irgendwann auch nicht mehr meine inneren Stimmen um Entschuldigung bitten, die mich ohnehin so gnadenlos verurteilen für alles, was mich menschlich macht. Und ich werde weiterhin über das sprechen und schreiben, was schmerzt.

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