Der Name der Väter

Lange habe ich mich gegen das Heiraten gewehrt. Ich habe mit der Ehe meiner Eltern ein mieses Vorbild gehabt, das von wenig Zugewandtheit und Nähe zeugte. Statt dessen fühlte es sich für meine Mutter offenbar an wie ein Gefängnis, das sie an Haus und Kinder band. Zugleich war ihr die Ehe aber auch materielle Sicherung und Statusgewinn, die sie höher als alles andere bewertete. Für meinen Vater war die Ehe indes kein Hinderungsgrund, mit so ziemlich jeder anderen Frau, die ihn attraktiv fand, ein mehr oder weniger intensives Verhältnis zu haben.

Dass ich letztlich doch geheiratet habe, hatte vor allem praktische und rechtliche Gründe. Ich habe immer zum Gatten gesagt, dass ich ohnehin vorhabe, mit ihm alt zu werden. Dass solche Vorhaben nicht in Stein gemeißelt sind, wissen wir beide, und wir räumen uns gegenseitig und miteinander die Möglichkeit der Veränderung ein. Dennoch, das Vorhaben ist ernsthaft, und es ist darüber hinaus ein inniger Wunsch.

Neulich frage mich der Gatte, wie es denn eigentlich kommt, dass ich ohne Zögern mit der Heirat seinen Nachnamen angenommen habe. Für mich war es immer glasklar und stand außer Zweifel, das zu tun. Aber was vordergründig vielleicht antiemanzipatorisch klingt, hatte Gründe, die nicht so ohne Weiteres auf der Hand liegen. Zum einen schätze ich mich glücklich, zur Familie meines Mannes zu gehören. Ich betrachte seinen Bruder, dessen Frau und ihre Kinder als genau so mit mir verwandt wie meine eigene Schwester, meinen Schwager und deren Nachwuchs. Und vor allem meine Schwiegermutter hätte ich mir nicht besser ausmalen können – sie ist ein warmherziger, besonderer Mensch. Diese Leute sind meine Wahlfamilie, und die Freiwilligkeit dieser Wahl spielt wohl auch eine bedeutende Rolle.

Ich bin also gewissermaßen stolz auf meine Zugehörigkeit zu meiner Schwiegerfamilie, aber dasselbe Gefühl hätte ich ja durchaus auch für meine Herkunftsfamilie empfinden können. Das ist aber nicht der Fall. Das Abgeben meines „Mädchennamens“ für mich vor allem eine Erleichterung gewesen. Ich heiße nicht mehr länger wie mein Vater. Vielleicht ist das eine Art von Opposition angesichts des Umstandes, dass ich nicht der erwünschte „Stammhalter“ wurde und durch meine Kinderlosigkeit weder seinen Namen noch seine Gene weitertrage (wie er mehrfach betonte). Vor allem verbinde ich aber seinen Namen untrennbar mit einem schmerzvollen und beschämenden Teil meiner persönlichen Geschichte, und so habe ich vor elf Jahren nicht lange darüber nachdenken müssen, mir ein anderes Namenskleid anzuziehen.

Während ich so nachdenke, kommt mir die Frage in den Sinn, welchen Namen ich denn hätte tragen wollen, wenn ich nicht geheiratet hätte. Spontan fiel mir der Name meiner Großmutter mütterlicherseits ein, die ich sehr geliebt habe und die mir in vielen Situationen eine Art Ersatzmutter war. Und dann, auf den zweiten Blick, fällt mir auf, dass auch ihr Name nicht ihr Name war, sondern der meines Großvaters. Da hätte ich also eigentlich ihren „Mädchennamen“ wählen müssen, nur… Das war der Name ihres Vaters, nicht ihr eigener.

Generationen um Generationen tragen die Frauen die Namen ihrer Väter und ihrer Männer. Eigentlich müsste es also „Vatername“ heißen und nicht „Mädchenname“. Genau, wie ein Teil von mir mit dem Ablegen des Namens meines Vaters verschwindet, so verschwindet ein Teil der Identität aller Frauen und wird zu privater Geschichte, die nach außen nicht mehr ohne Weiteres sichtbar ist. Mit dieser Erkenntnis sehe ich bildhaft die langen Linien der Frauen meiner Familie vor mir und verstehe, wie wenig ich eigentlich weiß. Diese Tradition und das Schlagwort des „Stammhalters“ greifen so eng ineinander – tatsächlich „sichern“ die Jungen und Männer in der Familie durch das Tragen des Namens die Nachvollziehbarkeit der Zusammenhänge. Wer mal für ein Klassentreffen den Verbleib diverser Mitschülerinnen recherchieren musste, wird das wissen.

Noch vor einigen Jahrzehnten war es so, dass Ehefrauen auch mit dem Titel ihres Mannes angesprochen wurden. „Frau Studienrat“ und „Frau Direktor“ waren die erheirateten Ehrentitel, mit denen sich eine Frau schmücken konnte. Ich muss dabei auch immer an den Satz „Ich als Zahnarztfrau…“ denken – ein sehr albernes Pseudotestimonial aus einer Zahncremewerbung. Nicht weniger formvollendet ist das stolzgeschwellte „I now am officially Mrs John Doe!“ frischverheirateter Frauen, das dann auch noch den eigenen Vornamen zum Verschwinden bringt. Der Umstand, jemandes Frau zu sein, sagt weder etwas über Persönlichkeit noch über Qualifikation aus. Es scheint, als sei schon die Zugehörigkeit zu einem Mann, das Geheiratet-Worden-Sein, eine Errungenschaft an sich. Und das wurde ja auch lange Zeit so gesehen.

Wenn ich mich fragte, welchen Namen ich jenseits der Traditionen und Gesetze würde tragen wollen, müsste ich mich wohl auch immer mit der Frage auseinandersetzen, wer ich eigentlich bin. Sicher, ich bin Tochter meiner Mutter und meines Vaters. Daran ändert sich auch nichts. Und trotzdem bin ich bereits ab dem Zeitpunkt meiner Geburt (und darüber hinaus) jemand vollkommen Neues, der noch niemals auf dieser Welt war und es auch niemals wieder sein wird. Ich bleibe dieser Mensch auch nach einer Heirat mit einem Mann, denn ich bin nicht einfach nur „die Frau von“. Weil wir Frauen mit unseren Namen so leicht verschwinden, ist es vielleicht besonders wichtig, zu begreifen, wer wir selber wirklich sind.

4 Kommentare zu „Der Name der Väter“

  1. Vielen Dank! In Ihr Blog hatte ich auch schon hineinschauen wollen und mache das jetzt mal. Der Kommentar blieb doch tatsächlich (vermutlich wegen des Links) im Spamfilter von WordPress hängen – deswegen veröffentlicht mit Verspätung.

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