Heute kein Selfie.

Seit dem Sommer 2015 bin ich bei Twitter angemeldet und zwitschere seitdem regelmäßig meinen Senf in die Welt. Zu Facebook konnte ich mich nie durchringen, aber irgendwann fing der Gatte an zu twittern, und darüber hinaus waren es vor allem die Zusammenfassungen auf diversen Blogs, versehen mit Titeln wie „Tweets der Woche“, die mich animierten, das 140-Zeichen-Ding auch mal auszuprobieren. Es gefällt mir und hat sich inzwischen zu einer Art Chat-Neuigkeiten-Kontakte-Apparat ausgewachsen, der mich im täglichen Leben begleitet. Und mit ihm viele Menschen hinter Avataren und Accounts, die liebenswert, spannend, nachdenklich, interessant sind.(Zudem ist das Gezwitschere möglicherweise auch ein Grund für seltener werdende Blogeinträge hier, wobei ich das Gefühl habe, das ändert sich gerade wieder. Denn 140 Zeichen reichen eben doch manches Mal nicht aus, um Gedanken auszubreiten. Allenfalls, um sie anzureißen.)

Twitter ist aber neben diesem Blog momentan das einzige „Social Media“-Werkzeug, das ich nutze. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die auch noch einen Instagram- oder Tumblr-, Flickr- oder Google+-Account haben, via Swarm-App Aufenthaltsorte in die Welt blasen oder bei Facebook ihr Innerstes nach außen kehren. Innerstes. Nun ja. Mich treibt momentan sehr um, was besagte „soziale“ Medien aus oder mit ihren Nutzern machen oder eben umgekehrt die Nutzer mit ihnen.

Ich stellte neulich mal wieder fest, dass ich unfähig bin, mit dem Handy ein Selfie von mir zu machen. Mit „unfähig“ meine ich, ich bin dazu tatsächlich nicht in der Lage. Meine Hand ist zu ungeschickt, um es hinzubekommen, die Kamera im richtigen Blickwinkel auf mich zu richten und dann auch noch den Auslöser zu drücken. Vom Resultat rede ich mal gar nicht, ich bin offensichtlich nicht selfiegen. Dann staune ich über Memes und Strömungen, die mit Selfies mehr oder weniger direkt im Zusammenhang stehen. Die sogenannten Hot Dog Legs beispielsweise, die entstehen, wenn man am Strand liegend fotografiert und die eigenen Beine noch mit im Bild sind. Sie sehen dabei heißen Würstchen bisweilen recht ähnlich, was ein findiger Koch für eine Marketing-Kampagne zu nutzen wusste. Das aber nur am Rande. Oder die Ratschläge im Netz, wie man es schafft, sich möglichst vorteilhaft mit der Handykamera selbst aufzunehmen. Duck face. Fish gape. Von wo es nicht mehr weit ist zu thigh gap und bikini bridge.

Hinter diesen Phänomenen steht eine für mich befremdliche Art der Selbstbespiegelung. Die Betreiberin eines Modeblogs sagte neulich in einem Fernsehinterview, angesprochen auf die fragwürdigen Körperideale, die in sogenannten Mode- und Beautyblogs vermittelt würden, sie ginge davon aus, dass die Konsumenten verantwortungsvoll mit den Inhalten umgingen. Letztlich sei aber das Gezeigte nun einmal das, was die Menschen sehen wollten. Bloggen, Twittern und Selfies posten fungiert also gewissermaßen als eine neue Form der Nachbarschaftskontrolle. Das Publikum legt fest, was erstrebenswert ist und daher als normal eingestuft werden sollte, und daran richten sich dann die Selbstdarsteller aus. Meistens ist jeder zu unterschiedlichen oder gleichen Zeiten beides – Bewerteter und Bewerter, Darsteller und Rezipient.

Man könnte sagen, so sei das halt im „Neuland“ Internet, oberflächlich und schnelllebig. Und was gehen mich Mode- und Beautyblogs an? Ist eh nicht mein Gebiet. Und schließlich geht es ja um das Generieren von Klickzahlen, Followern, Freunden. (Als sei dies tatsächlich eine gute Begründung oder gar Entschuldigung für alles…) Oftmals wird die rein virtuelle Natur des Netzes angeführt als Grund für diese Oberflächlichkeit. Sie verhindere den wirklichen Kontakt zwischen Menschen im Gegensatz zum „real life“ (RL) und biete eine Bühne, hinter der nicht viel, bisweilen sogar gar nichts Wahrhaftiges stünde.

Letztlich hat sich aber eventuell nur die Reichweite verändert. Früher achteten Nachbarn, Bekannte und Familie darauf, ob alle Stiefmütterchen im Beet gerade standen, tratschten miteinander, sanktionierten von der Norm abweichendes Verhalten, legten Maßstäbe darüber fest, was sich gehörte und was nicht und beobachteten, wer sonntags ordnungsgemäß im Gottesdienst erschien. Vielleicht war der Themenkreis kleiner, weniger Leute wussten voneinander. Aber sehr wohl legte „man“ fest, worüber gesprochen wurde und worüber nicht, wie „man“ auszusehen, sich zu geben hatte, mit wem Kontakt erwünscht oder nicht erwünscht war. Eventuell ließen sich Lackschichten etwas leichter durchdringen als heute, aber das in andere Formen gegossene virtuelle Leben ist sicherlich nicht weniger real.

Mir ist aufgefallen, dass es Menschen gibt, die sich als Kunstfiguren bezeichnen, deren wirkliche Identität nach eigener Aussage von der virtuellen abweicht. Sei es, dass eine Bloggerin mit ihren sexuellen Experimenten prahlt und sich – darauf kritisch angesprochen – darauf zurückzieht, nicht alles Geschriebene sei tatsächlich so geschehen. Sei es, dass ein Podcaster am Mikrofon den rülpsenden Unhold mit lokalkoloriertem Dialekt gibt und sich im Gespräch herausstellt, dass er ganz anders gestrickt ist. Diese Art Rollenspiel hat sicher für die Spielenden einen Sinn, sonst würden sie ihre Rollen nicht spielen. Mich selbst ödet derartiges Verhalten eher an. Es ist für mich vergleichbar mit dem Auftreten des Kollegen, der permanent auf dicke Hose macht, mit seinem Tempo auf der Autobahn prahlt und Tittenwitze von sich gibt. Ich sehe und höre unglaublich viel, aber nicht den Menschen.

Und das ist es dann letztlich. Natürlich kann man annehmen, dass alle Menschen zu gewissen, wahrscheinlich sogar wechselnden Anteilen aus Selbst und Maske bestehen und es tatsächlich auch eine Notwendigkeit gibt, verschiedene Masken zu verschiedenen Anlässen mit unterschiedlichen Menschen zu tragen. Im positiven Sinne gerinnt dieses Verhalten für mich in dem schlichten Satz: „Ich mag, wer ich mit Dir bin!“ Vielleicht trägt jeder gewissermaßen auch ein Stück eines Selbstideals von sich nach außen, das die eigenen dunklen Punkte, die Makel, die schambehafteten, vermeintlich unnützen, schäbigen und unbequemen Aspekte ausblendet. Im Netz ist das einfacher als im „real life“, aber möglicherweise nicht unbedingt häufiger.

Eine spannende Frage ist für mich, wie weit Menschen hinter den Bildern, den „Selfies“, die sie von sich geben, spürbar sind. Ich stieß vor längerer Zeit einmal auf das Blog The Freckled Fox auf der Suche nach Ideen, was ich mit meinen Haaren anstellen könnte. Eine Weile unterhielt mich das Blättern durch die Seiten der Bloggerin, und dann irgendwann verlor sich das Interesse. Zu perfekt erschien mir die Inszenierung des Lebens mit ihren fünf Kindern, zu brilliant die Fotos ihrer selbst gemachten Einrichtung, zu glatt alles. Sogar die Bilder des Begräbnisses ihres an Krebs verstorbenen Mannes sind schön.

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2 Kommentare zu „Heute kein Selfie.“

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