„Stress hat nur der Leistungsschwache!“

Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin, dann wäre es mir ganz egal, ob es unpopulär ist, über das eigene Versagen zu schreiben. Aber ich bin, die ich bin. Es macht mir etwas aus, denn die Erwartungen anderer sind nach wie vor viel bedeutender für mich, als ich eigentlich selber will. Das macht die eigene Schwäche noch viel schwerer erträglich, als sie es sowieso schon ist.

Es ist unpopulär, besagte Schwäche zu thematisieren. Das wird im besten Fall mit befremdeter Distanz beantwortet, mehrheitlich aber als Jammern gedeutet oder als Selbstmitleid, und als solches auch verurteilt. Ich erlebe das besonders im Kollegium, in dem einerseits die Leute angesichts hoher Arbeitsbelastung und 50-Stunden-Woche umfallen wie die Fliegen, andererseits aber ständig Sprüche fallen wie „Stress hat nur der Leistungsschwache!“ oder „Ach, der ist so ein depressiver Lappen!“. Um zum Punkt zu kommen: Natürlich trifft mich das, denn ich bin mal wieder so weit, ich habe es nicht ausgehalten, nicht mehr länger geschafft, ich gehöre zu eben jenen Leistungsschwachen, die es nicht packen.

Ich bin seit vergangener Woche wieder krank geschrieben. Die Migräneanfälle häuften sich wie näher kommende Bombeneinschläge, bis ich am Ende kaum die Möglichkeit hatte, mich überhaupt so richtig von einem zu erholen, ehe der nächste kam. Migräne, das ist auch so ein Ding. Findet sich auf einer blöden Webseite als Tipp für eine Krankheit, die man dem Arzt und dem Arbeitgeber vorspielen kann, um blau zu machen, ohne dabei erwischt zu werden. Und ich denke nur: „Herzlichen Dank für diesen Bärendienst, ihr Idioten!“ Migräne gehört zu den definitiv absolut unschönen, wiederkehrenden Erlebnissen, die mich bereits den größten Teil meines Lebens begleiten. Wenn sich die Augen weigern, zu sehen, der Kopf, zu denken, wenn sich Worte in Luft auflösen, noch ehe der Mund sie formen kann, wenn das Gefühl aus den Fingern weicht und am Ende alles in einen penetranten Schmerz mündet, dann ist das kein Vergnügen und hat schon mal gar nichts mit Urlaub zu tun. Aber wer glaubt einem das? Zumal das Etikett „selbst schuld“ schon draufgeklebt wird, kaum dass man das Wort Migräne überhaupt ausgesprochen hat. „Kannste da nicht eine Tablette einwerfen und weiter arbeiten?“, fragte unser Betriebsleiter mal. Nein. Kann ich nicht.

Getriggert wird die Migräne bei mir massiv durch Stress, und das macht die Sache nicht leichter. Denn Stress haben ja schließlich nur die Leistungsschwachen. Den macht man sich ja selbst. Also ist wohl auch die Migräne selbst gemacht.

Mein inneres Bewertungssystem ist eine Sache. Dass es mir nicht erlaubt ist, mich hängen zu lassen, aufzugeben, loszulassen, mich zu erholen, etwas nicht zu schaffen – das habe ich verinnerlicht und rufe es mir immer wieder brav ins Bewusstsein. Ich bin ganz die Marionette dieser alten Maßstäbe, die ich immer noch reproduziere, weil ich mich hundsmiserabel fühle, wenn ich es nicht tue. Wie es also auch kommt, hundsmiserabel fühle ich mich auf jeden Fall. Noch mehr Abwertung kommt dann von außen dazu. Bei der Arbeit geht es um Schuldzuweisungen für Fehler, nicht um die Bewältigung von Problemen. Darum, das maximale Arbeitspensum aus den Angestellten herauszuquetschen, nicht darum, sich besser aufzustellen, um für die nächste Auftragsspitze auch gut gerüstet zu sein. Und dann noch die blöden Sprüche dazu. Der Chef findet, wir laufen zu viel durch die Gegend und verschwenden damit Zeit. Findet, wir starren nur auf den weißen Bildschirm.

Ich sitze hier, den Laptop auf dem Schoß, und denke über das eigene Versagen nach. Darüber, warum es mich so schmerzt, dass mir meine Migräne und damit den „guten Grund“ fürs Krankgeschriebensein keiner glauben wird. Den Grund, den man ja immer braucht, weil es nicht ausreicht, zu sagen: „Ich kann nicht mehr. Ich schaff’s nicht mehr!“ Draußen scheint die Sonne, mein Blick ist gerade klar, und die Stimme in meinem Kopf sagt: „Du könntest längst wieder arbeiten.“ Die Erlaubnis, mich gut um mich selbst zu kümmern, entzieht sie mir sogar noch rückwirkend. Das macht unendlich müde, müde von einer Art, die sich nicht durch Schlaf beheben lässt – und es ist Teil des Problems. Begrenzte Belastbarkeit ist ein Problem, weil sie nicht mehr stattfinden darf. Niemand ist unbegrenzt belastbar. Das weiß mein Kopf. Aber meine Seele, die hat es gefressen, dass es keine Gnade gibt für die, die nicht immer und überall 100 % geben. Diese 100 % nicht zu schaffen, das kommt dem Entzug der Existenzberechtigung gleich. Auch das ist Depression.

Ich versuche, der aufkeimenden Wut in mir eine Chance zu geben. Mir mehr und mehr bewusst zu werden, dass ich mich wehren darf – gegen die Totalverwertung und die Verurteilung, die dem vermeintlichen Versagen anhaftet. Ich war gerade einen Tag raus aus dem Job, da erreichte mich eine WhatsApp meines Kollegen, ob ich nicht noch mal kurz helfen könnte, … Nein! Nein, ich kann dir nicht helfen, denk selber! Es macht viel weniger Mühe, als du meinst. Ich kann dir nicht helfen, denn ich bin in einem Zustand, in dem es nicht mehr geht. Am Ende der Fahnenstange. Krank heißt nicht im home office!

In der Nacht vor dem Migräneanfall, der mich schließlich zum Arztbesuch mit Krankschreibung veranlasste, träumte ich, ich hätte einen Schlaganfall. Ich lief mit herabhängendem Mundwinkel durch die Gegend, nicht in der Lage, mich vernünftig zu verständigen. Ich sagte immer nur wieder: „Ruft den Notarzt, ruft den Notarzt!“, aber niemand wollte glauben, niemand wollte helfen. Währenddessen spürte ich, wie sich mein Bewusstsein immer mehr auflöste und ich immer handlungsunfähiger wurde. Ich glaube, dass dieser Traum zu meinem Beschluss beitrug, die Reißleine zu ziehen.

Die gehässigen Stimmen, die mir Dramatisierung vorwerfen und Übertreibung und Selbstmitleid, sind nicht Resultat, sondern Ursache dieses Problems. Ich streife diese Erkenntnis zum wiederholten Mal und hoffe auf ein Begreifen.

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