Veränderliche Konstanten

So lange es nichts gab, das mich zufällig in die Nähe meines Heimatortes verschlagen hatte, habe ich auch nicht groß darüber nachgedacht, ob und wie sich dieses Dorf verändert haben könnte. Man sagt ja gerne, dass man seine Heimat zwischenzeitlich einmal (auch für länger) verlassen haben muss, um wieder neu dorthin zurückkehren zu können. Aber dass ich hinfuhr, war kein bewusster Vorsatz, sondern lag an einer Baustelle, die ich umfahren musste, als ich den Gatten am Freitag zum Bahnhof brachte. Bewusst, wenn auch notgedrungen zurückgekehrt war ich in das Nest bereits vor Jahren. Ich weine ihm keine Träne nach.

Natürlich hat das Dorf auch seine schönen Ecken. Da ist die kleine, gotische Kirche, die von alten Bäumen umgeben am Hang eines kleinen Höhenrückens liegt. Es gibt ein paar ganz hübsche Kopfsteinpflastergassen und einen Park an der anderen Seite des Hangs, von dem aus man weit über die Landschaft sehen kann. Dennoch möchte ich dort – wie man in unserer Ecke so schön sagt – nicht tot überm Zaun hängen. Es ist ja nicht so, dass ich ein Faible für Metropolen habe. Aber dieses Dorf ist inzwischen ein klassisches Wohndorf, eine Art altbackenes Suburbia, aus dem die spannenden Orte meiner Kindheit längst verschwunden sind. Der Trampelpfad entlang der Eisenbahngleise, den wir zur Schule gingen, existiert nicht mehr. Den alten Sandsteinbruch haben sie sozusagen domestiziert und ein Museum draus gemacht. Ich mochte ihn lieber mit den Brombeerranken und dem leisen Kribbeln, das entstand, wenn wir uns über das Zutrittsverbot hinwegsetzten. Vielleicht romantisiere ich ja auch.Auf dem Rückweg vom Bahnhof nach hause entschließe ich mich, einen Blick auf das Dorf zu werfen, auch wenn ich ziemlich genau weiß, dass das nichts mehr mit meinen Erinnerungen und Erlebnissen zu tun hat. Ich wollte wissen, was ich noch erkennen würde. Was würde sich erneut verändert haben?

Ich biege also hinterm Ortseingang nach links ein, stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und gehe zuerst zum Grab meiner Großmutter auf den Friedhof. Es ist erst halb acht morgens, die Sonne hat bereits erstaunliche Kraft, der Himmel ist strahlend blau, und der Friedhof liegt vollkommen still da. Selbst, obwohl ich später selbst nicht beerdigt, sondern verbrannt werden möchte, üben Friedhöfe eine große Faszination auf mich aus. Inzwischen gibt es auch auf diesem Friedhof ein Urnenfeld – etwas, das sehr unüblich für diese Gegend ist. Ich versuche mich zu erinnern, wo genau das Grab meiner Großmutter ist. Ich bin nicht oft hingegangen. Mir kommen Erinnerungen an ihr Begräbnis. Wie die Nachbarn mit ihrem Sarg auf den Schultern beinahe stolperten und wie meine Schwester sich nach dem Beerdigungskaffee darüber echauffierte. Ich besitze noch das Foto, das sie damals von dem frisch aufgeschütteten Grabhügel machte, der unter Kränzen und Blumen verschwand.

Während ich noch suche, entdecke ich vertraute Namen. Unsere alten Nachbarn samt ihrem Sohn. Eltern einer Schulfreundin meiner Schwester. Immer der Gedanke: „Ach, die auch…“. Ich war sehr lange nicht mehr da. Vom Tod mancher Menschen hatte ich gehört. Ich wusste auch, dass die Grabstätte meiner Großeltern nach dem Wiederkauf verändert worden war. Ich lasse den Blick an den Reihen entlang schweifen und suche den polierten, schwarzen Stein, und ich bin schon drauf und dran, zu gehen, als ich ihn schließlich finde. Koniferen bedecken halb die Namen, dazwischen eine Reihe Trittsteine, die sind wie immer. Ich bleibe stehen und sehe mir die Daten an. 1909 – 1965 und 1911 – 2003. Meine Großmutter hat länger ohne ihren Mann gelebt als mit ihm und starb zehn Tage nach der Hochzeit meiner Schwester. Die Sträucher, die trockene, graue Erde und die in den Stein geschnittenen Zeichen haben nichts mit dem Moment zu tun, als ich zum letzten Mal ihre Hand hielt, ihr durch das wirre, graue Haar strich (wir nannten sie mit dieser Frisur zum Schluss oft scherzhaft „Einstein“), wie ich ihr Herz auf dem Überwachungsmonitor schneller schlagen sah. Sie hat mich gehört und gespürt. Eine Viertelstunde später war sie tot. Das ist dreizehn Jahre her.

Irgendwann taucht ein Friedhofsgärtner auf, grüßt in der bei uns üblichen, wortkargen Art und geht weiter. Ich frage mich, ob ich wohl noch das Grab der Mutter meiner besten Grundschulfreundin finde. Ich frage mich, ob sie selbst wohl noch lebt. Wenn man den Kontakt zu seinen Eltern einstellt, dann funktioniert auch das Buschtelefon nicht mehr. Ich weiß nur, dass diese Freundin die Veranlagung ihrer Mutter zum Brustkrebs erbte.

Ich verlasse den Friedhof. Mir fällt jetzt erst auf, wie klein er ist. Alles ist klein. Das ganze Dorf scheint geschrumpft zu sein. Ich lenke das Auto an der Kirchmauer entlang, auf der wir als Jugendliche oft im Sommer mit baumelnden Beinen gesessen hatten. Der Schaukasten mit den Gemeindemitteilungen steht noch an derselben Stelle, der Rasen sauber gemäht, gebastelte Papierschmetterlinge im Fenster des Gemeindehauses. Die Kneipe am Brunnen hat jetzt einen anderen Namen (ich glaube, sie heißt pfiffigerweise jetzt „Gasthaus am Brunnen“). Das Möbelhaus in Achtzigerjahre-Architektur gegenüber steht immer noch leer. Ein glatzköpfiger Mann mit einem dicken Hund geht das Kopfsteinpflaster hinauf. Im Dönerladen meiner Jugend werden jetzt Blumen verkauft, in der Eisdiele von damals Pizza und Döner. Dinge ändern sich, obwohl sie sich nicht ändern.

Wenn du nicht da bist, während sich die Dinge ändern, dann kommt die Änderung so plötzlich. Ich frage mich, wie vielen alten Menschen es so gehen muss. Häuser werden abgerissen, hochgezogen, Straßen verlegt, und du selbst hast doch nur zehn Jahre nicht hingeschaut, und dann ist alles anders. Dort, wo ich jetzt zuhause bin, ändern sich alles sukzessive. Ich sehe es, kann es greifen, und mein Gedächtnis ist mir treu. Aber dieses Dorf ändert sich nicht nur äußerlich. Meine Distanz ist nicht nur räumlich. Hier und da ein Ankerpunkt, ja. Eine Erinnerung. Oder ein Grab. Verwandte. Eine Durchfahrt. Aber auch die Erinnerungen relativieren sich. All die Kurven, um die ich hunderttausend Mal gebogen bin, haben nur so geringe Bedeutung. Die Türen, vor denen ich gestanden und die Fenster, zu denen ich hinaufgeschaut habe, sind in meinen Tagebüchern lebendiger als in der Wirklichkeit. Die Schleichwege, die ich kannte, sind Kindheitserinnerungen. Es gibt sie nicht mehr.

Es ist auch die eigene Veränderung, oder vielleicht vor allem die, die mich von all dem noch weiter entfernt. Meine Schwester ist oft mit ihren Kindern bei den Großeltern, sie schafft neue, lebendige Verbindungen zu diesem Ort. Ich tue das nicht. Vielleicht gehe ich eines Tages mit meiner Cousine durch das Dorf, meiner Tante, meinem Mann. Vielleicht sogar mit meinem Vater, meiner Mutter. Ich weiß nicht, was noch kommen wird. Vielleicht komme ich auch weiterhin nur selten zurück, und die Wirklichkeit bleibt nurmehr eine Skizze meiner Erinnerung, die entfernte Ähnlichkeit hat. Das Leben ist, wo ich gerade bin.

Meine Oma sieht mich von dem Foto her an, das an der Wand meines Dachzimmers hängt. Sie hat ein Baby auf dem Schoß in einem gelb-roten Frottee-Strampelanzug, und sie hält seine kleine Hand zart zwischen ihren großen, groben Fingern. Mich. Sie hat mich immer gehalten. Die Erinnerung an sie steckt auch in diesem Dorf. Sie steckt in dem alten Haus mit der Schmiede, in dessen Garten ich als ganz kleines Kind auf dem Bauch in der Sonne lag und das schon lange nicht mehr steht. Sie steckt in dem Friseurladen, zu dem ich sie untergehakt begleitete und der schon längst geschlossen hat. Sie steckt in den Einkaufszetteln, die sie schrieb und auf denen jede Woche drei Dosen Kondensmilch standen, so als könne jederzeit eine Konsensmilchknappheit eintreten. In den Zetteln, die ich mitnahm, um für sie einzukaufen bei dem kleinen Spar-Markt, den es schon lange nicht mehr gibt. Sie steckt in der Gartenerde, in die sie säte und die sie mit ihren Holzschuhen sorgfältig festtrat.

Ich höre sie auf Plattdeutsch meinen Namen nennen. Höre sie liebevoll mit dem Hund schimpfen. Sie ist mit dem Ort fest verwoben und mit mir und der Ort mit mir.

Gehen wir weiter.

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