Zurückspulen ausgeschlossen

Mit viel innerer Bewegung habe ich einen Blog-Artikel bei „Berlin Mitte Mom“ gelesen, über den ich in meinem Twitterversum stolperte: Es geht darin um die Erlebnisse Karens, einer inzwischen erwachsenen Tochter, die von ihrer Mutter nicht wirklich gewollt war. Diese Mutter hat, so scheint aus dem Bericht auf, der Tochter insbesondere und ihren Kindern generell gegenüber niemals ein besonders inniges Verhältnis entwickeln können. Karen erinnert sich:

„Mit 12, ich weiß sogar noch, wo wir gerade lang fuhren, sagte meine Mutter im Auto zu mir: „Weißt du, wenn ich nochmal die Wahl hätte, ich würde keine Kinder bekommen.““

Ganz ähnliche Äußerungen fanden sich in jüngerer Vergangenheit auch unter dem Hashtag #regrettingmotherhood. Da schildern Frauen, dass sie, rückblickend gesehen, doch lieber keine Kinder bekommen hätten. Auch, wenn viele von ihnen umgehend beteuern, dass sie natürlich ihre Kinder trotzdem lieben. Es ist ein Tabuthema, nach wie vor – die Ablehnung der Mutterschaft oder gar deren Bereuen.

Natürlich gibt es dabei zwei Seiten der Geschichte: Die Perspektive der Kinder, die der bereuenden Mütter. Ich selbst habe eine emotional wenig zugewandte Mutter. Blicke ich heute auf meine Kindheit zurück, ergeht es mir sehr ähnlich wie Karen. Da war Kälte und Distanz, die sich hinter vordergründiger mütterlicher Sorge verbarg, und vor allem stand im Fokus meiner Mutter stets die Erfüllung ihrer Erwartungen. Genau wie Karen auch erlebte ich das ständige Gefühl, nicht zu genügen. Ich sollte funktionieren und Ansprüchen genügen, anstatt in meinem Sein vollständig willkommen zu sein. (Ich war geplant, aber nicht gewollt.) Ich bin der Überzeugung, dass es nicht ein einzelner Satz ist wie der oben zitierte, der ein Kind aus der Bahn wirft. Es ist das dauerhafte, oft auch unausgesprochene Grundgefühl, besser nicht existieren zu sollen. Das habe ich selbst erlebt und setze mich zwangsläufig bis heute damit auseinander.

Meine Mutter hätte eigentlich anderes vorgehabt als ein Dasein als Hausfrau und Mutter. Das wurde mir in Gesprächen und aus einem Briefwechsel mit ihr deutlich. Sie hätte aufs Gymnasium gewollt und gekonnt, was sie als Mädchen aber nicht durfte. Sie hätte mit einer Freundin in eine andere Stadt ziehen wollen, fort aus dem Dorf, aber sie musste bleiben, um sich um ihre verwitwete Mutter zu kümmern. Vieles von dem, was sie sich ausgemalt hatte, inklusive eigener Erfolge und verwirklichter Träume, blieb ungeschehen. Statt dessen hatte sie einen Mann, der sie erstmals betrog, als ihre Kinder fünf und acht Jahre alt waren und saß in einem Kaff fest, in dem die Leute deswegen mit dem Finger auf sie zeigten und nicht auf ihren untreuen Ehemann. Da war viel Unverwirklichtes, viel Gefängnis und sehr viel Unsicherheit, die es ihr verunmöglichte, letztlich doch noch eigene Schritte zu gehen. Also perfektionierte sie den eigentlich gehassten Haushalt, Image und materielle Verhältnisse. Nur die Kinder zu perfektionieren gelang ihr zu ihrem Missfallen nicht vollständig.

Würde ich heute meine Mutter danach fragen, dann würde sie trotzdem nicht eingestehen, dass sie ihre Mutterschaft bereut. Wann immer wir uns in der Vergangenheit stritten, unterband sie jegliches Argumentieren mit dem Satz: „Aber du weißt doch, dass ich dich lieb habe, oder?“ Genau das wusste ich aber nicht, denn es war für mich einfach nicht spürbar.

Ich glaube, das geht auch umgekehrt. Dass es Mütter gibt, die in der Retrospektive über ihre Mutterschaft sagen, dass sie für sie nicht richtig war, dass sie etwas hätten anders machen wollen (oder vielleicht auch alles), denen es aber trotzdem gelungen ist, ihre Kinder spüren zu lassen, dass sie geliebt und willkommen sind. Denn (wie auch in manchen Kommentaren in Anna Luz‘ Blog zur Sprache kommt) ist das Bereuen der Mutterschaft nicht zwangsläufig dasselbe wie ein Bereuen der Existenz der Kinder.

Ich las die These, dass das Bereuen der Mutterschaft, wie es unter #regrettingmotherhood geäußert wurde, doch hauptsächlich dem Umstand zuzurechnen sei, dass es Mütter eben wirklich in unserer Gesellschaft alles andere als leicht haben und diese schwierigen Umstände bereuen, nicht die Mutterschaft selbst. Beispielsweise die ewige Vereinbarkeitsproblematik von Job und Familie, die mangelnde Gleichberechtigung, die emotional aufgeladenen Erwartungen der Gesellschaft (sowohl von Männern als auch von anderen Frauen) an Mütter – wie man es schließlich macht, macht man es verkehrt.

Da mag etwas dran sein. Mich als gewollt kinderlose Frau beschleicht aber der Verdacht, dass das grundlegende Problem noch ein wenig tiefer liegt. Ich erlebe es ständig selbst, dass in dieser Gesellschaft sehr wenig Raum ist für bewusst kinderlos bleibende Frauen, die sich gegen eine Mutterschaft entscheiden, weil sie sich einfach nicht als Mütter sehen, oder auch, weil sie die Rolle, die damit einhergeht, ablehnen. Oder weil sie ganz egoistische Gründe dafür haben, für die sie sich aber einfach nicht rechtfertigen wollen. Jede Frau bekommt es früher oder später mit der Frage zu tun, ob sie Kinder will oder nicht. Meine Mutter sagte einmal zu mir: „Bei uns war das halt so, Kinder hat man damals einfach bekommen, das gehörte dazu.“ Das ist inzwischen nicht mehr so, was aber eben auch bedeutet, dass für diese sehr persönliche Wahl direkt oder indirekt eine Begründung gefordert wird. Denn nur, weil eine Wahlmöglichkeit inzwischen besteht, bedeutet das nicht, dass sie allgemein akzeptiert wird.

Nach wie vor ist man ein Ausnahmefall, wenn man keine Kinder möchte. Als Frau noch sehr viel mehr als als Mann. Das Thema ist emotional aufgeladen. Nach wie vor gilt die ominöse, irgendwie instinktive und natürlich bedingungslose Mutterliebe als das unwidersprochene Nonplusultra, das große Unerklärliche. Ähnlich verhält es sich mit dem Kinderwunsch. Über einen Mangel daran oder das Fehlen von beidem sollte sich eine Frau auch heute noch sorgen, sich über ihr Abweichen von einer vermeintlichen Norm den Kopf zerbrechen. Ich selbst habe mir anhören müssen, doch ohne Kinder keine richtige Frau zu sein.

So lange es aber dieses normative Bild von der richtigen Frau gibt und vom Instinktiven, von der emotionalen Intuition „der“ Frau, so lange wird es auch Frauen geben, die dem ständigen Druck nicht lange oder von vornherein gar nicht standhalten können und Kinder bekommen, weil das eben so sein soll. Die gar nicht auf die Idee kommen (oder die Kraft aufbringen), sich die Frage zu stellen, was sie für ihr Leben eigentlich wollen und ob eigene Kinder dazu gehören sollen oder nicht. So lange die Rolle der Mutter und das „Gefühl“ der Mutterliebe so dermaßen überhöht werden, dass Menschen, die sich dagegen entscheiden, zwangsläufig in den Augen der Gesellschaft weniger wert sein müssen, wird es immer Menschen geben, denen es nicht gelingt, in dieser Hinsicht auf sich und ihr eigenes Inneres zu hören.

Ich glaube, das ist in Wirklichkeit der Grund, warum ein Diskurs wie der um #regrettingmotherhood überhaupt statt fand und noch findet. Niemand weiß letztlich zu dem Zeitpunkt, an dem er eine Entscheidung trifft, ob diese richtig ist und wie sein oder ihr Leben weiter verlaufen würde, würde er oder sie sich anders entscheiden. Aber ich bin der Überzeugung, dass Menschen, wenn sie gefestigt genug in sich selbst sind, beurteilen können, ob sie sich mit einer Entscheidung identifizieren und zu ihr stehen können oder nicht. Mir geht es so mit meiner Entscheidung, keine eigenen Kinder zu bekommen. Ich kenne einige weitere kinderlose Paare in meinem Umkreis, denen es ebenso geht. Und ich kenne Eltern, die sich voll und ganz mit ihrer Entscheidung zur Elternschaft identifizieren, die eine große innere Freude an ihren Kindern und ihren Aufgaben als Eltern haben – auch, wenn sie Fehler machen, auch wenn Tränen fließen, man gegen Wände läuft, sich gegenseitig Schmerzen bereitet und Haken schlägt. Das ist das Leben.

Tiefe Reue kommt zustande, wenn ich etwas getan habe, das mir im Grunde meines Wesens und meiner Persönlichkeit nicht entspricht. Aus Zwang heraus, aus Erwartungsdruck, aus mangelnder Einsichtsfähigkeit, aus großer, tiefer Angst. Ich glaube kaum, dass es die alltäglichen Schwierigkeiten der Mutterschaft sind, die Reue erzeugen. Ich glaube, es sind Halbherzigkeiten und ein Mangel an Mut. Und den Mut kann man schon verlieren, wenn man permanent ungefragt mitgeteilt bekommt, wie man denn so zu sein hat als weiblicher Mensch.

(Die Frage „Warum willst du keine Kinder?“ wird übrigens erheblich öfter gestellt als die Frage „Warum willst du Kinder?“ Das nur so nebenbei.)

Es gibt wenig tatsächliche Akzeptanz gegenüber der eigentlich doch so hoch gehaltenen individuellen Wahl und starke Sanktionen für Abweichende. Das beginnt schon in der eigenen Herkunftsfamilie und endet längst nicht in der Politik. Und oft kommen die Ressentiments gegen sich frei entscheidende Frauen erschreckenderweise von anderen Frauen.

Ich finde es wichtig, dabei nicht zu vergessen: Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben. Es ist von ungeheurem Vorteil, bei vollem Bewusstsein zu sein, während man es lebt. Kindern, die geboren werden sollen, ist man es schuldig.

Das Gejammer

Ich kenne kaum etwas, das so unpopulär ist, wie das Sprechen über Schmerz, Leid, Angst, über Bedenken und Sorgen. Der Bericht über die eigene Befindlichkeit wird schnell als anlass- oder grundloses Jammern und Klagen gewertet.

Das ist eigentlich auch kein Wunder in einer Gesellschaft, deren Hauptaugenmerk auf ökonomischem Wachstum und daher auf Erwerbsarbeit und Konsum liegt. Um diese beiden Funktionen – diejenige als Arbeitskraft und diejenige als Konsument – gewinnbringend, effektiv und zuverlässig ausfüllen zu können, muss der Mensch die Komplexität seines Lebens und Erlebens auf ein verwertbares Maß reduzieren.

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Der Name der Väter

Lange habe ich mich gegen das Heiraten gewehrt. Ich habe mit der Ehe meiner Eltern ein mieses Vorbild gehabt, das von wenig Zugewandtheit und Nähe zeugte. Statt dessen fühlte es sich für meine Mutter offenbar an wie ein Gefängnis, das sie an Haus und Kinder band. Zugleich war ihr die Ehe aber auch materielle Sicherung und Statusgewinn, die sie höher als alles andere bewertete. Für meinen Vater war die Ehe indes kein Hinderungsgrund, mit so ziemlich jeder anderen Frau, die ihn attraktiv fand, ein mehr oder weniger intensives Verhältnis zu haben.

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Heute kein Selfie.

Seit dem Sommer 2015 bin ich bei Twitter angemeldet und zwitschere seitdem regelmäßig meinen Senf in die Welt. Zu Facebook konnte ich mich nie durchringen, aber irgendwann fing der Gatte an zu twittern, und darüber hinaus waren es vor allem die Zusammenfassungen auf diversen Blogs, versehen mit Titeln wie „Tweets der Woche“, die mich animierten, das 140-Zeichen-Ding auch mal auszuprobieren. Es gefällt mir und hat sich inzwischen zu einer Art Chat-Neuigkeiten-Kontakte-Apparat ausgewachsen, der mich im täglichen Leben begleitet. Und mit ihm viele Menschen hinter Avataren und Accounts, die liebenswert, spannend, nachdenklich, interessant sind. Weiterlesen „Heute kein Selfie.“

„Stress hat nur der Leistungsschwache!“

Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin, dann wäre es mir ganz egal, ob es unpopulär ist, über das eigene Versagen zu schreiben. Aber ich bin, die ich bin. Es macht mir etwas aus, denn die Erwartungen anderer sind nach wie vor viel bedeutender für mich, als ich eigentlich selber will. Das macht die eigene Schwäche noch viel schwerer erträglich, als sie es sowieso schon ist. Weiterlesen „„Stress hat nur der Leistungsschwache!““

Draußen

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Fühlen.
(Seine Hand in meiner. Die Riemen des Rucksacks. Meine Fußsohlen beim Laufen. Die Kleidung auf meiner Haut. Haar, das an meinem Hals kitzelt. Den Wind, der streichelt. Schmerz im Knie und den Muskeln. Die Stiche von Bremsen. Schweiß, der über den Rücken läuft. Schotter unter den Füßen. Den eigenen Atem. Wasser auf der Zunge. Den Gummibund der Socken. Die dick gewordenen Finger. Durst. Insekten, die über die Haut krabbeln. Die Höhe der Bäume. Das Rutschen der Sonnenbrille auf dem Nasenrücken.)

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Veränderliche Konstanten

So lange es nichts gab, das mich zufällig in die Nähe meines Heimatortes verschlagen hatte, habe ich auch nicht groß darüber nachgedacht, ob und wie sich dieses Dorf verändert haben könnte. Man sagt ja gerne, dass man seine Heimat zwischenzeitlich einmal (auch für länger) verlassen haben muss, um wieder neu dorthin zurückkehren zu können. Aber dass ich hinfuhr, war kein bewusster Vorsatz, sondern lag an einer Baustelle, die ich umfahren musste, als ich den Gatten am Freitag zum Bahnhof brachte. Bewusst, wenn auch notgedrungen zurückgekehrt war ich in das Nest bereits vor Jahren. Ich weine ihm keine Träne nach. Weiterlesen „Veränderliche Konstanten“